Erneuerbare Energien: Dunkelflauten existieren nicht
- jedenfalls nicht als Lehrinhalt in den Schulen -

Vorbemerkungen / Worum geht’s?

Rein zufällig – wirklich ohne Suchvorsatz – bin ich über das Bildungsmaterial „Umweltfreundlich Energie erzeugen“ des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gestolpert.

Das BMU stellt zu diesem Thema zwei Hefte für die Altersstufe Sekundarstufe zur Verfügung. Beide Hefte wurden bereits im Jahr 2013 veröffentlicht und werden nicht mehr aktualisiert, sind zu „Bildungszwecken“ aber immer noch abrufbar.

Zum einen ein Schülerheft, zum anderen ein auf dieses Schülerheft bezogene Lehrerheft:

Zielgruppen sind die Sekundarstufe I und II (siehe hier), also einschließlich Realschulen, Gymnasien, Berufsfachschulen, Fachoberschulen! Ein einigermaßen gehobenes Verstädnispotential kann demnach unterstellt werden!!

Da aus dem Jahr 2013 stammend, sind die enthaltenen Angaben / Daten z. T. natürlich nicht mehr aktuell. Unabhängig davon, kann man m. E. aber sehr gut die systemische Manipulation erkennen, mit denen unser Nachwuchs – und die Lehrkräfte – im vorliegenden Fall „erzieherisch“ bearbeitet werden. Exakt dies, will ich im Folgenden anhand einiger ausgewählter Beispiele verdeutlichen.

P. S.:
Wer sich erst noch in die Grundlagen zur Thematik „Erneuerbare Energien“ einlesen muss, kann mit meiner Blog-Kategorie „Erneuerbare Energien“ beginnen und von da aus die generell dringend empfohlene Eigenrecherche starten.

Für Nachstehendes setze ich jedenfalls eine gewisse (kritische) Einarbeitung in das Thema als gegeben voraus; ich kann nicht jedesmal bei Null anfangen . Zudem setze ich zumindest ein „Querlesen“ der beiden Hefte voraus! Anders geht es nicht!

Lernziele

Die Lernziele werden im Lehrerheft u. a. wie folgt definiert:

Man muss die Alternativen zum Erdöl, zur Kohle und zu anderen fossilen Energieträgern ebenso wie zur Atomkraft differenziert bewerten können, um mögliche Wege für eine zukunftsfähige Energieversorgung beurteilen zu können.

Hehre Ziele! Um „mögliche Wege“ aufzeigen und objektiv „beurteilen“ zu können, müssen die „Alternativen“ jedoch faktengetreu und in allen Facetten dargestellt werden! Andernfalls handelt es sich nicht um eine „differenzierte Bewertungsgrundlage“, sondern um vorgabengesteuerte Meinungsmanipulation..

Dunkelflauten existieren nicht

Sucht man in den Heften folgende elementare Begriffe für die „differenzierte Bewertung einer zukünftsfähigen Energieversorgung“, erhält man nachstehende Ergebnisse:

Suchwort
.
Vorkommen
.
• DunkelIn beiden Heften kein Vorkommen.
• FlauteIn beiden Heften kein Vorkommen.
• DunkelflauteIn beiden Heften kein Vorkommen.
(Ob dieser zusammengesetzte Begriff im Jahr 2013 bereits existierte, entzieht sich meiner Kenntnis. Die einzelnen Worte aber ganz sicher.)
• Windstille / WindflauteIn beiden Heften kein Vorkommen.
• NachtsKein Vorkommen im Schülerheft.
Im Lehrerheft wird auf Seite 32 immerhin auf das Offensichtliche hingewiesen, nämlich dass Nachts mit Photovoltaik kein Strom erzeugt wird. Zwei Absätze darunter wird jedoch sogleich relativiert: „Der Energiebedarf … ist also nachts gering (nur Straßenbeleuchtung, Heizungen, Kühlgeräte …).“
Bei einem auch damals schon eruierbaren nächtlichen Energiebedarf – bzw. eigentlich ja „Strombedarf“- von ca. 55 GW bis 65 GW von „gering“ zu sprechen ist, mit Verlaub, Verarsche! Zum Vergleich: Strombedarf tagsüber: ca. 65 GW bis 75 GW.
• keine SonneIn beiden Heften kein Vorkommen.
ResiduallastIn beiden Heften kein Vorkommen.

Volllaststunde

In beiden Heften kein Vorkommen.

Wahrscheinlich habe ich noch einiges Wichtiges vergessen. Es wird jedoch auch so schon deutlich: die eigentlichen Knackpunkte der „erneuerbaren Energien“ werden NICHT wirklich thematisiert! Dies kann ja durchaus ergebnisoffen vorbereitet und behandelt werden, aber keinerlei bzw. lediglich punktuelle, reichlich „verwaschene“ Erwähnung(en) dieser Punkte ist sehr bezeichnend! (versucht es selbst mal).

Allenthalben Suggestivformulierungen /
Milchmädchenrechnungen (einige Bsp.)

3.1 Erneuerbare Energien im Mix

Lehrerheft Seite 32

Obiges Beispiel zum Suchwort „Nachts“! Der nächtliche Strombedarf wird „kleinformuliert“.

Suggerierte Botschaft: „Nachts, wenn keine Sonne scheint und vielleicht auch mal kein Wind weht, ist alles halb so schlimm, denn der Stromverbrauch ist ja nur gering.“

Schülerheft Seite 18 / Lehrerheft Seite 32

Erneuerbare Energiequellen wie Wind und Sonne folgen dagegen natürlichen Gegebenheiten. Doch woher soll der Strom für Fabriken, Haushalte oder Bahnen kommen, wenn mal kein Wind weht? Damit die Versorgung aus erneuerbaren Energien funktioniert, muss einiges anders geregelt werden als früher. Fachleute sprechen davon, dass wir den richtigen „Energiemix“ brauchen, also Energie aus mehreren verschiedenen Quellen, die sich ergänzen.

Immerhin wird an dieser Stelle ausnahmsweise explizit formuliert, dass auch mal kein Wind wehen kann (und was ist mit der Sonne?). Doch an keiner Stelle wird konkret beantwortet, woher der Strom kommen soll, wenn kein Wind weht. Die angebotene „Lösung“ zeigt vielmehr bereits die Kapitelüberschrift: sie wird subtil, durch einfache Weglassungen gewisser Punkte und viel drumherum Gerede, im Energiemix ausschließlich aus erneuerbaren Energien feilgeboten (lest selbst!). Woher soll in AUSREICHENDER MENGE der Strom kommen, wenn mal kein Wind weht und keine Sonne scheint? Eine solche mengenbezogene und gleichzeitig Wind mit Sonne verknüpfende Fragestellung ist schlicht nicht existent.

Suggerierte Botschaft: „Weht mal kein Wind, springt die Sonne ein, und umgekehrt. Wenn beides nicht liefert, wird es schon mit Wasserkraft, Geothermie und Biomasse weitergehen“

3.2 Was muss das Stromnetz leisten?

Schülerheft Seite 19

Zum besseren Bezugsverständnis habe ich nachstehenden Abschnitt in (1) und (2) untereilt.

(1) Das Netz auszubauen scheint zwar teuer. Insgesamt ist das aber günstiger, als die Stromerzeugung oder den Stromverbrauch noch stärker an die schwankende Erzeugung der Erneuerbaren anzupassen. (2) Auch Stromspeicher sind verglichen damit relativ teuer. Sie werden erst bei einem sehr hohen Anteil von erneuerbaren Energien an der Stromversorgung gebraucht.

Diesen Passus finde ich unter manipulativen Gesichtspunkten besonders „gelungen“.

Zu (1): Kein Zweifel, der Netzausbau ist ein enorm wichtiger Punkt! Einige der durch „die Erneuerbaren“ hervorgerufenen „Verwerfungen“ könnten bei erfolgreichem Netzausbau – der, das nur nebenbei, stark stockt – sicherlich nivelliert und zukünftig mglw. sogar verhindert werden. Die Grundprobleme bleiben jedoch bestehen (Stichwort „Dunkelflaute“ und alles, was damit zusammenhängt), der Netzausbau ändert daran überhaupt nichts!
Die Aussage „den Stromverbrauch noch stärker an die schwankende Erzeugung der Erneuerbaren anzupassen“ ist reichlich irreführend! Seit wann wird der Stromverbrauch an die Stromerzeugung angepasst? Und die Formulierung „noch stärker“ suggeriert in diesem Zusammenhang auch noch, dass dies bereits in nennenswertem Maß erfolgt, was m.M.n. schlicht eine Falschaussage darstellt! Was für ein Unsinn wird unserem Nachwuchs beigebracht? Umgekehrt wird ein Schuh daraus!!

Strom muss im gleichen Augenblick produziert werden, wie er verbraucht wird. (>>)

Die Stromerzeugung richtet sich nach dem Verbrauch, nicht umgekehrt! Exakt dieser – verschwiegene – Punkt ist doch eines der großen Probleme der Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen(!): die starke Fluktuation einhergehend mit schlechter Steuer-/Regelbarkeit!

Zu (2): Die Grundaussage ist m.E. korrekt, müsste jedoch dringlich näher betrachtet werden – was „natürlich“ nicht geschieht! (zur Erinnerung bitte nochmals obiges „Lernziel“ sichten!) Ist es überhaupt möglich, bei einem „sehr hohen Anteil von erneuerbaren Energien an der Stromversorgung“ ausreichende Mengen an Strom speichern zu können, um jederzeit und über einen längeren Zeitraum die Versorgung sicherzustellen? Ein weiterer, der großen Probleme der Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen, der so nebenbei erwähnt wird, ohne dass eine weitere Bearbeitung stattfindet.

Suggerierte Botschaft, Teil (1): „Man muss nur das Netz ordentlich ausbauen und schon ist alles in Ordnung. Weitere Probleme existieren nicht“

Suggerierte Botschaft, Teil (2): „Wenn es soweit ist, werden halt Stromspeicher errichtet. Das kostet zwar Geld, Probleme gibt es aber keine. Bis dahin ist der Netzausbau das Allheilmittel“

Schülerheft Seite 20 / Lehrerheft Seite 33

Auf Seite 20 des Schülerhefts wird das Kohlekraftwerk Reuter West in Berlin kurz vorgestellt. Daneben gibt es eine tabellarische Darstellung mit technischen Angaben zu verschiedenen Kraftwerks-/Anlagenarten wie bspw. Photovoltaik-, Windenergie- und Biogasanlagen. Dazu wird u. a. folgende Aufgabe gestellt:

Aufgabe 2
a) Berechne mithilfe der Angaben in der Tabelle, wie viele Windenergieanlagen du benötigen würdest, um das Kraftwerk zu ersetzen.
b) Führe die Berechnung auch für Photovoltaik und Biogas durch.

Die entsprechenden Lösungen auf Seite 33 des Lehrerhefts sehen folgendermaßen aus:

Lösung:
2 a) Es würden 233 neue Windenergieanlagen benötigt.
2 b) Es würden rund 21.700 Photovoltaikanlagen und rund 1.250 Biogasanlagen benötigt, wenn man von der jeweils durchschnittlichen Leistung der heute betriebenen Anlagen ausgeht.

Klassischer Fall von Michmädchenrechnung; zumindest für die Wind- und Photovoltaikanlagen. Denn die den Berechnungen zu Grunde liegenden „durchschnittlichen Leistungen“ entsprechen – wie so oft – den Nennleistungen der Anlagen, also den technisch maximal möglichen Leistungen, die erbracht werden könnten – wenn denn permanent, Tag und Nacht, die Sonne scheint und / oder der Wind weht!

Ich bitte außerdem die Form der Aufgabenstellung zu beachten! „Berechne wie viel benötigt wird … um zu ersetzen! Dies impliziert, dass das Kraftwerk mit der errechneten Anzahl problemlos vollständig ersetzbar wäre – wenn es denn nur umgesetzt werden würde. Die gewählte Form der Aufgabenstellung lässt von vornherein keine Zweifel aufkommen. Warum wird die Aufgabe nicht wie folgt (oder ähnlich) gestellt?

„Berechne, mit wie viel Windenergieanlagen du die angegeben Nennleistung des Kraftwerks (theoretisch) ersetzen könntest.
Ergebnisoffene Diskussion: Ist mit der resultierenden Anzahl an Anlagen deiner Meinung nach ein realer Ersatz des Kraftwerks möglich? Sprechen ggfs. irgendwelche Sachverhalte dagegen, oder nicht?“

Zur Erinnerung: wir sprechen hier über „Bildungsmaterial“ für die Sekundarstufe, nicht für die Grundschule!

Die resultierenden 1.250 Biogasanlagen entsprachen im Jahr 2012 / 2013

  • in etwa 15 % aller installierten Biogasanlagen
  • in etwa der Gesamtmenge der in den zwei Jahren zuvor in ganz Deutschland errichteten Biogasanlagen

1.250 Stück(!) / 15 %(!), für nur ein einziges – zugegebenermaßen recht leistungsstarkes – Kraftwerk und nur für Berlin. Wo soll der Platz und die benötigte Menge an Biomasse für diese Anzahl an zusätzlichen Anlagen herkommen? Ich bezweifle stark, dass solche oder ähnliche Fragen Unterrichtsinhalt waren / sind; konkrete Hinweise auf geplante Diskussionen darüber sucht man in beiden Heften jedenfalls vergeblich.

Zur nachträglichen Einordnung der Dimension: in den letzten vier bis fünf Jahren (von 2012 / 2013 bis 2017) wurden in ganz Deutschland insgesamt circa 950 Biogasanlagen zusätzlich errichtet.

Fazit / Schlussbemerkungen

Prima, wie unvoreingenommen und objektiv unser Nachwuchs vom „Großen Bruder“ verbildet,  Entschuldigung, gebildet wurde (wird?). Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit diesen Heften eben nicht neutral und objektiv gelehrt, sondern vielmehr etwas verkauft werden soll(te): Erneuerbare Energien sind problemlos einsetzbar, Diskussionen darüber überflüssig!

Wirklich strittige bzw. diskussionswürdige Teilaspekte werden geschickt umschifft. Dunkelflaute, stark fluktuierende Stromerzeugung, schwere Regelbarkeit, Stromspeicherung bei ansteigendem Anteil der Erneuerbaren usw. werden zwar tlw. „zwischendrin“ erwähnt, näher darauf eingegangen wird jedoch nicht. Letztlich wird einfach nicht offenbart, dass überhaupt (z. T. stark) problembehaftete Sachverhalte existieren. Der Schülerradar bleibt – entgegen des Lehrauftrags – somit blind dafür. Potentielle zukünfige Kritiker werden bereits an der Lernquelle eliminiert.

Nach meinem Eindruck wird das Lernziel mit Füßen getreten. Es handelt sich ganz sicher nicht um eine „differenzierte Bewertungsgrundlage“, sondern um eine vorgabengesteuerte Meinungsmanipulation.

Nochmal: wir sprechen hier über „Bildungsmaterial“ für die Sekundarstufe, nicht für die Grundschule! Etwas tiefergehende Analysen und Problemdarstellungen mit entsprechenden Ausarbeitungen von etwaigen Lösungsansätzen usw. sollte bei diesem Schulniveau machbar sein. Daran kann es also nicht gelegen haben.

Wobei es mir weniger um die erneuerbaren Energien per se geht, sondern um das generelle Aufzeigen allseits verbreiteter manipulativer Darstellungen.

Zugegeben, ich habe keine blasse Ahnung was in den Klassenräumen letztendlich tatsächlich behandelt wird bzw. wie solche Themen bearbeitet und besprochen werden. Ich nehme an, nicht alles wird gänzlich falsch sein. Die bloße Tatsache jedoch, dass ein Bundesministerium ein derart tendenziöses und lückenhaftes „Arbeitsmaterial“ u. a. mit den Worten „sowie ein ausführlicher Daten- und Fakten-Teil runden die Publikation ab“ als Lerninhalt anpreist und zur Verfügung stellt, spricht bereits Bände.

Auch wenn die beiden Hefte schon fünf Jahre alt sind, kann man daran durchaus eine Grundproblematik festmachen: Wenn Lernmaterialien in unseren Schulen in dieser „propagandistisch-manipuilativen Art und Weise“ aufgebaut sind, dann … ja was dann? … denkt drüber nach!!